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Erst Patent, dann Paper?

Neuheitsschädliche Vorveröffentlichung an deutschen Hochschulen — gemessen statt geschätzt. Grundlage sind 6.501 EP-Anmeldungen deutscher Hochschulen aus den Anmeldejahren 2000–2016, bei denen geprüft wurde, ob der EPA-Prüfer im Recherchenbericht eine eigene wissenschaftliche Publikation der Erfinder als neuheitsschädlichen Stand der Technik zitiert hat. Mit Benchmark gegen Fraunhofer, Max-Planck, Helmholtz und Leibniz sowie gegen Hochschulen in den USA, Großbritannien und der Schweiz — und mit der Aufschlüsselung nach Technikfeldern, die zeigt, wo das Risiko tatsächlich sitzt.

Daten: EPO PATSTAT Global, Spring 2026 (patstat_2026a) Zeitraum: 2000–2016 Stand: 15. August 2026 Autor: mtc.berlin
3,03 %
Selbstkollision an DE-Hochschulen
197 von 6.501 EP-Anmeldungen (2000–2016)
1,15 %
Fraunhofer zum Vergleich
51 von 4.430 EP-Anmeldungen
−9,2 Pp.
Erteilungsquote
40,9 % gegen 50,1 % — Paper vor bzw. nach der Anmeldung, gepoolt über acht Vergleichsgruppen
5,8 %
stille Rücknahme
10 von 171 Anmeldungen (2000–2014) — höchster Wert der vier Vergleichsgruppen
0,18 % ↔ 3,79 %
Maschinenbau gegen Chemie
1 von 554 gegenüber 119 von 3.140 Anmeldungen

Auf einen Blick

Wie oft scheitern deutsche Hochschulen an der eigenen Publikation, was kostet es sie — und in welchen Fächern passiert es überhaupt?

Das Europäische Patentübereinkommen kennt keine allgemeine Neuheitsschonfrist. Wer seine Erfindung vor dem Anmeldetag wissenschaftlich veröffentlicht, macht sie damit zum Stand der Technik — gegen sich selbst. Für Hochschulen, deren Karriereanreize an Publikationen hängen, ist das ein struktureller Zielkonflikt. Wie oft er tatsächlich zuschlägt, ist meist Erfahrungswissen. Dieser Report misst es.

Grundlage sind 6.501 EP-Anmeldungen deutscher Hochschulen aus den Anmeldejahren 2000–2016. Für jede wurde geprüft, ob der EPA-Prüfer im Recherchenbericht Nicht-Patentliteratur der Kategorie X — also allein neuheitsschädlichen Stand der Technik — zitiert hat, deren Autoren mit den Erfindern der Anmeldung übereinstimmen. Genau dieser Autor-Erfinder-Abgleich unterscheidet die eigene Vorveröffentlichung von fremdem Stand der Technik.

Das Ergebnis: In 3,03 % der Fälle (197 Anmeldungen) zitiert der Prüfer eine eigene Publikation der Erfinder, die vor dem Prioritätstag erschienen ist. Fraunhofer kommt im selben Zeitraum auf 1,15 % — bei Max-Planck (2,88 %), Helmholtz (3,49 %) und Leibniz (2,05 %) liegen die Werte dagegen im Bereich der Hochschulen. Der Unterschied ist also nicht einfach „außeruniversitär arbeitet professioneller“, sondern folgt der Literaturnähe des jeweiligen Forschungsfeldes.

Wie stark dieser Feldeffekt ist, zeigt die Aufschlüsselung nach WIPO-Technikfeldern: In den chemisch-lebenswissenschaftlichen Feldern kollidieren 119 von 3.140 Anmeldungen (3,79 %) mit der eigenen Publikation, im Maschinenbau 1 von 554 (0,18 %). Das ist ein Faktor von mehr als zwanzig zwischen zwei Teilen derselben Hochschullandschaft, und er erklärt einen erheblichen Teil der Unterschiede zwischen einzelnen Standorten.

Der sauberste Nachweis, dass die Reihenfolge zählt, liegt im Vergleich zweier Gruppen, die beide ihre eigene Arbeit publiziert haben — nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Für die deutschen Hochschulen allein liegt die Erteilungsquote bei Publikation vor dem Prioritätstag bei 50,8 %, bei Publikation nach der Anmeldung (Prüferkategorie mit P, also Zwischenliteratur) bei 59,7 % — ein Abstand von 8,9 Prozentpunkten. Bei rund 200 Fällen je Gruppe ist dieser Einzelbefund noch nicht statistisch gesichert. Erst gepoolt über alle acht untersuchten Vergleichsgruppen wird er belastbar: dort stehen 40,9 % gegen 50,1 %, und die Richtung ist in allen acht Gruppen dieselbe.

Die Kernaussage: „Erst Patent, dann Paper“ funktioniert an deutschen Hochschulen weit überwiegend — aber in etwa drei von hundert EP-Anmeldungen geht die Reihenfolge schief, und in literaturnahen Fächern deutlich häufiger. Der Schaden zeigt sich seltener als förmliche Zurückweisung (4,1 %) als in der stillen Rücknahme der Anmeldung (5,8 %) — dem höchsten Rücknahmewert aller vier untersuchten Verfahrensgruppen. Die Fälle verschwinden also überwiegend geräuschlos aus der Statistik, was erklärt, warum das Problem in der Praxis unterschätzt wird.

Alle Prozentwerte beziehen sich auf Anmeldungen (nicht Patentfamilien), da Recherchenbericht und Erteilungsentscheidung an der einzelnen Anmeldung hängen. Die Erkennung eigener Vorveröffentlichungen ist konservativ: Sie findet nur Fälle, in denen der Prüfer die Publikation tatsächlich gefunden und als X eingestuft hat.

Fragestellung & Rechtsrahmen

Warum die Reihenfolge in Europa härter zählt als in den USA — und welche Kategorie im Recherchenbericht die richtige ist

Der Rechtsrahmen

Nach Art. 54 EPÜ gehört alles zum Stand der Technik, was vor dem Anmeldetag der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde — unabhängig davon, wer es zugänglich gemacht hat. Eine allgemeine Neuheitsschonfrist gibt es im EPÜ nicht; Art. 55 EPÜ greift nur bei offensichtlichem Missbrauch und bei bestimmten amtlich anerkannten Ausstellungen. Ein Konferenzbeitrag, ein Preprint, ein Poster oder eine online gestellte Dissertation genügen daher, um die eigene spätere Anmeldung zu Fall zu bringen.

Das US-Recht kennt dagegen mit 35 U.S.C. § 102(b)(1) eine zwölfmonatige Schonfrist für eigene Offenbarungen. Diese Asymmetrie ist der Grund, warum US-Hochschulen im Benchmark-Kapitel ein charakteristisch anderes Muster zeigen als europäische.

Welche Kategorie im Recherchenbericht zählt?

Der Prüfer bewertet jedes Rechercheergebnis mit einer Relevanzkategorie. Für die Frage nach neuheitsschädlicher Vorveröffentlichung ist X die maßgebliche Kategorie: Das Dokument ist für sich allein neuheits- oder erfinderisch-schädlich. Die folgende Tabelle zeigt die tatsächliche Verteilung über alle kategorisierten Nicht-Patentliteratur-Zitate in den Recherchenberichten der untersuchten Population.

Kategorie NPL-Zitate betroffene Anmeldungen Bedeutung für diese Frage
A7.3082.977allgemeiner Hintergrund — nicht relevant
X4.8762.133allein neuheitsschädlich — die Zielkategorie
Y3.7841.481nur in Kombination schädlich — nachrangig
I1.609877behördeninterner Code — für die Neuheitsfrage nicht auswertbar
PX / XP619494X, aber im Prioritätsintervall veröffentlicht — kein Fehler
XD / DX480353X und vom Anmelder selbst in der Beschreibung genannt
T414318Übersetzung/Theorie-Beleg — nicht relevant
O55nicht-schriftliche Offenbarung — praktisch nicht erfasst
weitere (ID, L, IP, PI, DL, DT, DI)157Einzelfälle, für die Neuheitsfrage ohne Gewicht

Zur Rückfrage aus der Praxis: Die Kategorie O ist für diese Auswertung die falsche. O bezeichnet eine nicht-schriftliche Offenbarung — Vortrag, mündliche Beschreibung, Benutzung, Ausstellung. Das ist zwar ein realer Neuheitszerstörungsweg, in den Daten aber mit 5 Zitaten in 5 von 6.501 Anmeldungen (0,08 %) praktisch nicht messbar — und vier dieser fünf Zitate tragen ohnehin zusätzlich ein X im Verbundcode. Ein Prüfer kann einen Konferenzvortrag nur zitieren, wenn es dazu ein belegbares Dokument gibt; dann läuft es aber als schriftliche NPL unter X. Die belastbare Messung führt über X und seine Verbundcodes.

PX ist kein Fehlerfall, sondern der Erfolgsfall. Das Kategoriekürzel P markiert Zwischenliteratur: veröffentlicht nach dem beanspruchten Prioritätstag, aber vor dem Anmeldetag. Ein Eigenzitat mit P bedeutet also, dass die Hochschule zuerst angemeldet und danach publiziert hat — „erst Patent, dann Paper“ hat funktioniert, wenn auch mit knappem Vorlauf. Diese Fälle werden in diesem Report konsequent aus der Fehlerquote herausgerechnet und separat ausgewiesen. Eine Auswertung, die pauschal auf „Kategorie enthält X“ filtert, überschätzt das Problem in dieser Population um mehr als die Hälfte: 197 Fehlerfälle stehen 206 Fällen im Prioritätsintervall gegenüber.

Grundlage: Zitate mit Ursprung Recherchenbericht (SEA) oder internationaler Recherchenbericht (ISR); vom Anmelder eingereichte Zitate (APP) bleiben außen vor, da sie keine Prüferbewertung darstellen. Insgesamt tragen 19.252 NPL-Zitate der Population eine Relevanzkategorie. Ein Zitat kann mehrere Kategoriezuordnungen erhalten, weshalb die Zeilensummen die Zahl der Zitate leicht übersteigen können; die Spalte „betroffene Anmeldungen“ ist zwischen den Zeilen nicht additiv, da eine Anmeldung Zitate mehrerer Kategorien trägt.

Wie misst man Selbstkollision?

Der entscheidende Schritt ist nicht die Kategorie X, sondern der Abgleich zwischen Publikationsautoren und Erfindern

Ein X-Zitat allein sagt nichts über Selbstkollision aus — der weitaus größte Teil des neuheitsschädlichen Standes der Technik stammt von Dritten. In der untersuchten Population tragen 2.507 von 6.501 EP-Anmeldungen (38,56 %) mindestens ein X-Zitat auf Nicht-Patentliteratur. Nur ein kleiner Bruchteil davon geht auf die Erfinder selbst zurück. Die Messung steht und fällt deshalb mit dem Autor-Erfinder-Abgleich.

Die vier Schritte

  • Population. EP-Anmeldungen mit mindestens einem deutschen Hochschulanmelder, identifiziert über den harmonisierten Sektor UNIVERSITY und das Länderkennzeichen DE. Diese Abgrenzung ist bewusst nicht namensbasiert: Sie erfasst auch Einrichtungen, deren Name kein „Universität“ oder „Hochschule“ enthält, und ist damit gegen genau die Lücke immun, die eine reine Namenssuche offen lässt.
  • Zitate. Nicht-Patentliteratur-Zitate aus dem Recherchenbericht (SEA) oder internationalen Recherchenbericht (ISR), deren Prüferkategorie ein X enthält — also auch die Verbundcodes XD, DX und XA. Vom Anmelder selbst eingereichte Zitate bleiben ausgeschlossen. In der Population sind das 5.979 X-kategorisierte NPL-Zitatzuordnungen.
  • Namensabgleich. Aus den Erfindernamen werden Namensbestandteile ab vier Zeichen extrahiert und gegen das Autorenfeld des zitierten Aufsatzes geprüft. Beide Seiten werden vor dem Vergleich identisch normalisiert: Diakritika werden aufgelöst und die deutschen Umschreibungsvarianten vereinheitlicht, sodass Steinbüchel und STEINBUECHEL, Müller und MUELLER, Kröger und KROGER zusammenfinden. Ohne diesen Schritt entgeht der Auswertung ein erheblicher Teil gerade der deutschen Namen.
  • Zeitliche Einordnung. Getrennt wird nach der Prüferkategorie: Zitate ohne P betreffen Literatur vor dem Prioritätstag (der Fehlerfall), Zitate mit P Zwischenliteratur aus dem Prioritätsintervall (der Erfolgsfall). Als unabhängige Gegenprobe wird das Publikationsjahr der Literatur mit dem Prioritätsjahr der Anmeldung verglichen.

Wie empfindlich ist das Ergebnis für die Trefferregel?

Ein Treffer verlangt entweder zwei verschiedene Erfinder im Autorenfeld oder einen Erfinder mit zwei Namensbestandteilen. Wie stark der Befund an dieser Schwelle hängt, lässt sich beziffern, indem man sie enger und weiter zieht — dieselbe Population, dieselben Zitate, nur eine andere Trefferregel:

Trefferregel Anmeldungen Quote Lesart
zwei Erfinder im Autorenfeld (streng) 35 0,54 % Untergrenze — nur zweifelsfreie Fälle
Regel dieses Reports, nur Autorenfeld 186 2,86 % Kern des Befundes
Regel dieses Reports mit Rückfall auf die Vollzitation 197 3,03 % ausgewiesener Wert

Der Abstand zwischen der zweiten und der dritten Zeile ist der Preis dafür, dass bei fehlendem Autorenfeld auf die vollständige bibliografische Angabe zurückgegriffen wird — dort können auch Titelwörter einen Namen treffen. Er beträgt 11 Anmeldungen oder 0,17 Prozentpunkte. Die Kernaussage hängt an dieser Entscheidung nicht. Das Autorenfeld ist in der Zielmenge zu 90,07 % gefüllt, ein auswertbares Publikationsjahr liegt zu 96,52 % vor.

Qualitätssicherung des Abgleichs

Da der gesamte Befund an diesem einen Schritt hängt, wurden 37 Treffer einzeln gesichtet — 22 aus der strengen und 15 aus der mittleren Trefferklasse, jeweils mit gefülltem Autorenfeld, ohne P-Kategorie und mit bestätigtem Publikationsdatum vor dem Prioritätsjahr. Verglichen wurden das ausgegebene Autorenfeld und die Namensbestandteile, über die der Abgleich ausgelöst hat. Wo das Autorenfeld vollständig sichtbar war, war die Übereinstimmung eindeutig; ein Teil der Autorenlisten liegt gekürzt vor, sodass die Sichtung dort den Treffer bestätigt, aber nicht jeden Namen im Volltext nachweist.

Trefferklasse Kriterium geprüft Beispiel aus den Daten
stark mindestens zwei verschiedene Erfinder im Autorenfeld 22 EP2646770A1 (TU Dresden) ↔ „THORSTEN PFISTER; PHILIPP GÜNTHER; LARS BÜTTNER; JÜRGEN C…“ — getroffen: PFISTER+THORSTEN, BUTTNER+LARS, CZARSKE
mittel ein Erfinder mit Nach- und Vorname im Autorenfeld 15 EP1273309A1 (Univ. Göttingen) ↔ „GRUENDKER CARSTEN ET AL“ — getroffen: CARSTEN+GRUNDKER

Die mittlere Klasse ist die häufigere, weil das Autorenfeld der Datenbank oft nur den Erstautor nennt und den Rest mit „ET AL“ abkürzt. Als Fehlerquellen wurden identifiziert: fehlendes Autorenfeld mit Rückfall auf die vollständige bibliografische Angabe (kann Titelwörter treffen) und abweichende Vornamen bei gleichem Nachnamen. Die Umlautvereinheitlichung wirkt auf beiden Seiten gleich und ist daher unschädlich, führt aber dazu, dass eng verwandte Schreibweisen zusammenfallen.

Die Zahlen sind eine Untergrenze. Erfasst werden nur Fälle, in denen der Prüfer die eigene Publikation gefunden, zitiert und als X eingestuft hat, und in denen der Erfindername im Autorenfeld auftaucht. Nicht erfasst werden: Publikationen, die der Prüfer übersehen hat; Fälle, in denen die Hochschule wegen einer bekannten Vorveröffentlichung gar nicht erst angemeldet hat; Erfinder, die nicht unter den Autoren stehen; sowie Vorveröffentlichungen, die schon vor der Recherche zur Rücknahme führten. Die reale Quote liegt daher über den hier ausgewiesenen Werten.

Wie oft passiert es?

197 von 6.501 EP-Anmeldungen deutscher Hochschulen kollidieren mit einer eigenen Vorveröffentlichung

Über die Anmeldejahre 2000–2016 zitiert der Prüfer in 197 EP-Anmeldungen (3,03 %) eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Erfinder selbst als allein neuheitsschädlichen Stand der Technik, erschienen vor dem Prioritätstag. In weiteren 206 Anmeldungen (3,17 %) zitiert er eine eigene Publikation, die erst im Prioritätsintervall erschien — dort hat die Reihenfolge also gestimmt, wenn auch mit knappem Abstand.

Ein Trend lässt sich aus diesen Daten nicht belegen. Die Jahresquoten schwanken bei 5 bis 23 Treffern pro Jahr erheblich, und das Vorzeichen einer Periodenaussage hängt davon ab, wo man die Grenze zieht. Teilt man das Fenster bei 2008/2009, liegt die Quote in der ersten Hälfte bei 3,32 % (73 von 2.198) und in der zweiten bei 2,88 % (124 von 4.303). Verschiebt man die Grenze um ein einziges Jahr auf 2007/2008, stehen sich 3,06 % (53 von 1.732) und 3,02 % (144 von 4.769) gegenüber — der Unterschied verschwindet. Der erste Vergleich ist zudem statistisch nicht abgesichert (z ≈ 0,98). Belastbar ist deshalb nur die Aussage über das Niveau: Es liegt über anderthalb Jahrzehnte stabil bei rund drei von hundert Anmeldungen.

Die Jahre 2000 und 2001 sind mit 60 bzw. 72 Anmeldungen zu dünn besetzt für eine Quotendarstellung und daher nicht im Diagramm; sie sind in der Datentabelle und in allen Gesamtwerten für 2000–2016 enthalten. Das Zeitfenster endet 2016 und reicht damit nicht in Jahrgänge hinein, deren Veröffentlichungsstand noch unvollständig wäre.

Datentabelle: Selbstkollision nach Anmeldejahr (EP)
Anmeldejahr EP-Anmeldungen mit X-NPL Paper vor Priorität Anteil Paper im Prioritätsintervall Anteil
2000603211,67 %58,33 %
2001723100,00 %22,78 %
20021126176,25 %87,14 %
20031726742,33 %42,33 %
20042149152,34 %20,93 %
200526611451,88 %103,76 %
2006396173164,04 %153,79 %
2007440201153,41 %245,45 %
2008466207204,29 %255,36 %
2009503208234,57 %152,98 %
2010534198163,00 %91,69 %
2011548207213,83 %101,82 %
2012563210101,78 %203,55 %
2013519173132,50 %101,93 %
2014499181153,01 %173,41 %
201553716691,68 %142,61 %
2016600187172,83 %162,67 %
2000–20166.5012.5071973,03 %2063,17 %

Warum nur EP-Anmeldungen? Die Auswertung ist auf europäische Anmeldungen beschränkt, weil nur dort die Prüferkategorien in den Daten vorliegen. Bei den EP-Anmeldungen der Population tragen 445.200 von 445.230 Zitatzuordnungen aus Recherchenberichten eine Kategorie (99,99 %). Für die 11.365 DE-Anmeldungen deutscher Hochschulen im selben Zeitraum enthält PATSTAT zwar 9.678 NPL-Zitate aus DPMA-Recherchenberichten, aber zu keinem einzigen davon eine Relevanzkategorie. Ohne Kategorie lässt sich neuheitsschädlicher Stand der Technik nicht von Hintergrundliteratur trennen.

Ein Teil dieser DE-Schiene wäre auch inhaltlich nicht auswertbar: Von den 11.365 Anmeldungen sind 10.012 originäre Patentanmeldungen, 837 tragen die Anmeldungsart T (in Deutschland validierte europäische Patente, also keine eigenständige DPMA-Prüfung) und 516 sind Gebrauchsmuster. Gebrauchsmuster werden ohne Neuheitsprüfung eingetragen — es gibt dort gar keinen Prüfer, der eine Vorveröffentlichung entgegenhalten könnte. Sie sind für diese Fragestellung nicht „ausgeschlossen“, sondern strukturell stumm. Auf der EP-Schiene stellt sich die Frage nicht: Alle 6.501 Anmeldungen der Population sind Patentanmeldungen (ipr_type = 'PI', appln_kind = 'A'); Gebrauchsmuster und Designs kommen dort nicht vor.

Benchmark: Wer kann es besser?

Deutsche Hochschulen im Vergleich mit außeruniversitärer Forschung und mit Hochschulen in den USA, Großbritannien und der Schweiz

Eine Quote von 3,03 % ist ohne Vergleichsmaßstab nicht einzuordnen. Dieselbe Messung wurde deshalb auf sieben weitere Anmeldergruppen angewandt — identische Methode, identischer Zeitraum, identische EP-Anmeldeschiene.

Fraunhofer ist der Ausreißer, nicht „die außeruniversitäre Forschung“. Mit 1,15 % liegt Fraunhofer bei gut einem Drittel des Hochschulwerts. Max-Planck (2,88 %), Helmholtz (3,49 %) und Leibniz (2,05 %) liegen dagegen im Bereich der Hochschulen — Helmholtz sogar darüber. Die naheliegende Erklärung „außeruniversitäre Einrichtungen haben professionellere Verwertungsstellen“ trägt daher nicht.

Ein erheblicher Teil des Fraunhofer-Vorsprungs ist strukturell: Nur 23,14 % der Fraunhofer-Anmeldungen tragen überhaupt ein X-Zitat auf Nicht-Patentliteratur, gegenüber 38,56 % bei den deutschen Hochschulen und 51,02 % bei Max-Planck. Rechnet man Fraunhofer auf die Literaturexposition der Hochschulen hoch, ergäbe sich bei unveränderter eigener Trefferquote ein Wert von 1,92 % statt 1,15 % — gut vier Zehntel des Abstands zu den 3,03 % der Hochschulen gehen damit allein auf das Forschungsfeld zurück, nicht auf das Verfahren. Der Rest bleibt: Auch je literaturbelasteter Anmeldung liegt Fraunhofer mit 4,98 % unter den 7,86 % der Hochschulen.

Die US-Signatur der grace period. US-Hochschulen zeigen mit 5,08 % den höchsten Anteil an Publikationen im Prioritätsintervall — deutlich über den 3,17 % der deutschen Hochschulen. Das ist genau das Muster, das eine zwölfmonatige Schonfrist erzeugt: Provisional Application einreichen, publizieren, und die EP-Anmeldung innerhalb des Prioritätsjahres nachziehen. In den USA ist das ein zulässiger Ablauf; im EPÜ trägt er nur, solange die Priorität wirksam ist. Bricht die Prioritätskette, wird aus der Zwischenliteratur unmittelbar neuheitsschädlicher Stand der Technik.

Datentabelle: Selbstkollision nach Anmeldergruppe (EP, Anmeldejahre 2000–2016)
Anmeldergruppe EP-Anmeldungen mit X-NPL Paper vor Priorität Anteil Paper im Prio-Intervall Anteil
Fraunhofer Forschung4.4301.025 (23,14 %)511,15 %511,15 %
Leibniz Forschung438152 (34,70 %)92,05 %61,37 %
Hochschulen GB Hochschule5.8572.831 (48,34 %)1372,34 %2253,84 %
Max-Planck Forschung1.078550 (51,02 %)312,88 %545,01 %
Hochschulen DE Hochschule6.5012.507 (38,56 %)1973,03 %2063,17 %
Hochschulen CH Hochschule2.027825 (40,70 %)653,21 %763,75 %
Hochschulen US Hochschule33.88916.657 (49,15 %)1.1623,43 %1.7205,08 %
Helmholtz Forschung1.747582 (33,31 %)613,49 %331,89 %
Datentabelle: Fehlerquote je literaturbelasteter Anmeldung
Anmeldergruppe Anmeldungen mit X-NPL-Zitat davon mit eigener Vorveröffentlichung Anteil Literaturexposition
Hochschulen GB2.8311374,84 %48,34 %
Fraunhofer1.025514,98 %23,14 %
Max-Planck550315,64 %51,02 %
Leibniz15295,92 %34,70 %
Hochschulen US16.6571.1626,98 %49,15 %
Hochschulen DE2.5071977,86 %38,56 %
Hochschulen CH825657,88 %40,70 %
Helmholtz5826110,48 %33,31 %

Anmeldungen mit mehreren Anmeldern werden genau einer Gruppe zugeordnet (Hochschule vor außeruniversitärer Einrichtung), um Doppelzählung zu vermeiden. Leibniz ist mit 438 Anmeldungen und 9 Treffern die kleinste Gruppe; der dortige Wert ist entsprechend unsicher. Der Nenner der bedingten Quote sind alle Anmeldungen mit mindestens einem X-kategorisierten NPL-Zitat — darunter auch solche, deren einziges X-Zitat ein P-Verbundcode ist und die den Fehlerfall daher gar nicht erreichen können. Die bedingten Quoten sind deshalb systematisch nach unten verzerrt; als Vergleich zwischen den Gruppen bleiben sie aussagekräftig, als absoluter Wert sind sie eine Untergrenze.

Was es kostet

Der Vergleich zweier Gruppen, die beide publiziert haben — nur in unterschiedlicher Reihenfolge

Ob eine eigene Vorveröffentlichung der Anmeldung wirklich schadet, lässt sich am saubersten prüfen, indem man sie mit dem Spiegelfall vergleicht: Anmeldungen, bei denen der Prüfer ebenfalls eine eigene Publikation der Erfinder zitiert hat — die aber erst nach dem Prioritätstag erschien. Beide Gruppen bestehen aus publikationsaktiven Erfindern in literaturnahen Feldern. Der einzige systematische Unterschied ist die Reihenfolge von Anmeldung und Veröffentlichung.

Über alle acht Anmeldergruppen zusammengefasst werden von den Anmeldungen mit eigener Vorveröffentlichung 700 von 1.713 erteilt (40,9 %), von den Anmeldungen mit Publikation im Prioritätsintervall dagegen 1.187 von 2.371 (50,1 %). Die Differenz von 9,2 Prozentpunkten ist bei diesen Fallzahlen statistisch klar abgesichert (z ≈ 5,8), und die Richtung ist in allen acht Gruppen dieselbe — von Fraunhofer (62,7 % gegen 72,5 %) bis zu den Schweizer Hochschulen (33,8 % gegen 51,3 %).

Für die deutschen Hochschulen allein lauten die Werte 50,8 % gegenüber 59,7 % — ein Abstand von 8,9 Prozentpunkten, der dem Gesamtbild entspricht, bei 197 gegenüber 206 Fällen aber für sich genommen noch nicht signifikant ist (z ≈ 1,8). Der gepoolte Wert wird zudem von den US-Hochschulen dominiert, die 68 % der einen und 73 % der anderen Vergleichsgruppe stellen. Belastbar ist daher die Aussage über den Mechanismus; die genaue Höhe des Effekts speziell für deutsche Hochschulen lässt sich mit diesen Fallzahlen nicht scharf beziffern.

Wie das Scheitern aussieht

Für die deutschen Hochschulen lässt sich über die INPADOC-Rechtsstandsereignisse nachvollziehen, wie die Verfahren enden. Betrachtet werden die Anmeldejahre 2000–2014, damit die Verfahren weitgehend abgeschlossen sind.

Der Schaden zeigt sich als stille Rücknahme, nicht als Zurückweisung. Die förmliche Zurückweisung liegt bei eigener Vorveröffentlichung mit 4,1 % sogar unter dem Wert für fremden Stand der Technik (5,3 %). Auffällig ist stattdessen die aktive Rücknahme durch den Anmelder: 5,8 % — der höchste Wert aller vier Gruppen und mehr als doppelt so hoch wie bei Publikation im Prioritätsintervall (2,3 %). Zusammengenommen scheitern 9,9 % der Anmeldungen mit eigener Vorveröffentlichung aktiv, gegenüber 3,4 % im Spiegelfall.

Eine plausible Lesart: Wer im Recherchenbericht die eigene Publikation als X-Dokument gegen die eigenen Ansprüche gestellt bekommt, hat kein Gegenargument. Statt ein aussichtsloses Prüfungsverfahren zu führen, wird die Anmeldung zurückgezogen. Das würde erklären, warum das Problem in Erteilungsstatistiken kaum auftaucht — die Fälle verlassen das Verfahren, bevor eine Entscheidung ergeht. Die Daten zeigen das Muster; den Entscheidungsgrund im Einzelfall belegen sie nicht.

Was diese Zahlen nicht messen. Die Erteilungsquote sagt nichts über den Schutzumfang aus. Ein denkbarer Ausgang bei eigener Vorveröffentlichung ist die Einschränkung der Ansprüche auf einen Teilaspekt, der in der eigenen Publikation noch nicht offenbart war — das Patent wird erteilt, ist aber wirtschaftlich weniger wert. Dieser Effekt ist aus PATSTAT nicht messbar und in den 50,9 % erteilter Anmeldungen unsichtbar enthalten. Die ausgewiesenen Kosten sind daher eine Untergrenze.

Datentabelle: Verfahrensausgang deutscher Hochschul-EP-Anmeldungen (2000–2014)
Gruppe Anmeldungen erteilt zurückgewiesen (18R) zurückgenommen (18W) gilt als zurückgenommen (18D) aktives Scheitern (18R+18W)
Eigenes Paper vor Priorität17187 (50,9 %)7 (4,1 %)10 (5,8 %)67 (39,2 %)17 (9,9 %)
Eigenes Paper im Prio-Intervall176100 (56,8 %)2 (1,1 %)4 (2,3 %)70 (39,8 %)6 (3,4 %)
Fremdes X-Zitat1.807751 (41,6 %)96 (5,3 %)58 (3,2 %)898 (49,7 %)154 (8,5 %)
Kein X-Zitat auf Literatur3.2101.698 (52,9 %)116 (3,6 %)109 (3,4 %)1.263 (39,3 %)225 (7,0 %)

„Gilt als zurückgenommen“ (18D) ist der häufigste Ausgang in allen Gruppen und entsteht überwiegend durch Nichtzahlung von Gebühren oder versäumte Fristen — er trägt zur Unterscheidung zwischen den Gruppen wenig bei. Die Kategorien summieren sich je Gruppe auf 99 bis 100 %, überlappen aber in Einzelfällen (etwa Wiedereinsetzung nach 18D) und bilden daher keine exakte Aufteilung. Zur Frage anhängiger Verfahren: Die Erteilungsquote je Anmeldejahr liegt in der Population zwischen 43,7 % (2009) und 55,9 % (2012); die letzten Jahrgänge des Fensters (2013: 53,9 %, 2014: 55,7 %, 2015: 55,3 %, 2016: 53,3 %) liegen nicht unter dem Mittel. Ein Rückstau noch offener Verfahren, der die jüngeren Jahrgänge künstlich drücken würde, ist in diesem Zeitfenster nicht erkennbar.

Wo die Reihenfolge kippt

Selbstkollision ist kein gleichmäßig verteiltes Risiko — sie konzentriert sich auf die literaturnahen Felder

Die naheliegende Vermutung, dass die Fächerkultur den Ausschlag gibt, lässt sich direkt messen. Jede Anmeldung der Population wird dafür genau einem der 35 WIPO-Technikfelder zugeordnet — dem mit dem höchsten Gewicht. Die Zuordnung ist eindeutig: 6.500 der 6.501 Anmeldungen tragen ein Feld, es gibt keine Mehrfachzählung, und die Spalten summieren sich exakt auf diese 6.500.

Zwischen Chemie und Maschinenbau liegt ein Faktor von mehr als zwanzig. In den chemisch-lebenswissenschaftlichen Feldern kollidieren 119 von 3.140 Anmeldungen (3,79 %) mit einer eigenen Publikation, im Maschinenbau 1 von 554 (0,18 %). Der Mechanismus ist an der zweiten Balkenreihe ablesbar: Im Maschinenbau tragen nur 9,03 % der Anmeldungen überhaupt ein X-Zitat auf wissenschaftlicher Literatur, in der Chemie 49,39 %. Wo der Prüfer keine Literatur entgegenhält, kann auch die eigene Literatur nicht schaden.

Das ist keine Frage besserer Verwertungsprozesse in Ingenieurfakultäten, sondern eine Eigenschaft des Standes der Technik im jeweiligen Feld. Für die Praxis heißt das: Eine Schulung zur Publikationsreihenfolge, die alle Fakultäten gleich behandelt, adressiert das Risiko dort, wo es kaum existiert, und verfehlt es dort, wo es sitzt.

Nicht „die Medizin“ — das Labor. Der auffälligste Einzelbefund ist die Spreizung innerhalb des medizinnahen Bereichs. Das Feld Analyse biologischer Materialien führt die Rangfolge mit 8,17 % (33 von 404) an, während Medizintechnik mit 1,15 % (5 von 433) zu den niedrigsten Werten gehört — bei fast gleicher Anmeldezahl. Der Unterschied verläuft also nicht zwischen Medizin und Technik, sondern zwischen laborbasierter Grundlagenforschung, die schnell und dicht publiziert, und Gerätentwicklung, die es nicht tut. Die Literaturexposition bestätigt das: 61,39 % gegenüber 14,32 %.

Datentabelle: Selbstkollision nach WIPO-Sektor
WIPO-Sektor EP-Anmeldungen mit X-NPL Literaturexposition Paper vor Priorität Anteil
Chemie (Chemistry)3.1401.55149,39 %1193,79 %
Instrumente (Instruments)1.63157235,07 %533,25 %
Elektrotechnik (Electrical engineering)1.08632830,20 %242,21 %
Maschinenbau (Mechanical engineering)554509,03 %10,18 %
Sonstige Felder (Other fields)8966,74 %00,00 %
Summe (ohne die eine Anmeldung ohne Feldzuordnung)6.5002.50738,57 %1973,03 %
Datentabelle: Selbstkollision je Technikfeld (Felder mit mindestens 100 Anmeldungen)
Technikfeld (WIPO) EP-Anmeldungen mit X-NPL Paper vor Priorität Anteil
Analyse biologischer Materialien (Analysis of biological materials)404248338,17 %
Werkstoffe, Metallurgie (Materials, metallurgy)16974105,92 %
Biotechnologie (Biotechnology)1.168685524,45 %
Organische Feinchemie (Organic fine chemistry)300149134,33 %
Verfahrenstechnik (Chemical engineering)2075873,38 %
Pharmazeutika (Pharmaceuticals)861425283,25 %
Computertechnik (Computer technology)28810682,78 %
Makromolekulare Chemie, Polymere (Macromolecular chemistry, polymers)1014121,98 %
Messtechnik (Measurement)529161101,89 %
Grundstoffchemie (Basic materials chemistry)1174621,71 %
Halbleiter (Semiconductors)2067231,46 %
Elektrische Maschinen, Apparate, Energie (Electrical machinery, apparatus, energy)2786741,44 %
Optik (Optics)2309531,30 %
Medizintechnik (Medical technology)4336251,15 %
Werkzeugmaschinen (Machine tools)1341700,00 %

Die WIPO-Technikfelder tragen in den Daten ausschließlich englische Bezeichnungen; die deutschen Benennungen in Diagramm und Tabelle sind Übersetzungen, die englische Originalbezeichnung steht jeweils kursiv daneben. Jede Anmeldung ist genau einem Feld zugeordnet (höchstes Gewicht in der WIPO-Feldzuordnung), daher summieren sich die Zeilen auf die Population; eine einzige der 6.501 Anmeldungen trägt keine Feldzuordnung. Die Einzelfeldtabelle zeigt nur Felder mit mindestens 100 Anmeldungen; die zwanzig kleineren Felder umfassen zusammen 1.075 Anmeldungen und 17 Treffer und sind in den Sektorsummen enthalten. Auch bei 100 bis 400 Anmeldungen liegen die Trefferzahlen im einstelligen Bereich — die Reihenfolge benachbarter Felder ist nicht belastbar, die Spreizung zwischen den Sektoren dagegen schon.

Hochschulen im Vergleich

23 deutsche Hochschulen mit mindestens 90 EP-Anmeldungen im Zeitraum 2000–2016 — und warum die Rangfolge weniger über Prozessqualität sagt, als sie verspricht

Die Streuung zwischen einzelnen Hochschulen ist größer als der Abstand zwischen Deutschland und dem Ausland. Sie reicht von 6,86 % (Universität Hamburg) bis zu 0 % (Universität Stuttgart). Nach dem vorigen Abschnitt liegt allerdings ein großer Teil dieser Streuung im Fächerprofil und nicht im Verfahren — die Tabelle weist deshalb neben der Rohquote auch die Literaturexposition aus.

Die Rangfolge folgt erkennbar dem Fächerprofil, und zwar über die Literaturexposition. An der Spitze stehen Standorte mit starker lebenswissenschaftlicher Prägung — Hamburg (56,86 % Exposition), Heidelberg (48,15 %), Münster (62,50 %), Mainz, die Medizinische Hochschule Hannover (50,72 %). Am unteren Ende stehen ingenieurwissenschaftlich geprägte Standorte: TU Dresden (1,24 % bei 29,46 % Exposition), TU Berlin (2,37 % bei 28,40 %) und die Universität Stuttgart mit 0 Treffern bei 163 EP-Anmeldungen und der niedrigsten Exposition des Feldes (21,47 %).

Der Stuttgarter Nullwert sollte nicht überinterpretiert werden. Nur 35 der 163 Stuttgarter Anmeldungen tragen überhaupt ein X-Zitat auf wissenschaftlicher Literatur. Legt man die Trefferquote zugrunde, die die gesamte Population innerhalb ihrer literaturbelasteten Teilmenge erreicht (7,86 %), wären in Stuttgart höchstens rund 2,8 Fälle zu erwarten gewesen — höchstens deshalb, weil in diesem Nenner auch Anmeldungen stecken, deren einziges X-Zitat aus dem Prioritätsintervall stammt und die den Fehlerfall gar nicht erreichen können. Bei einer Erwartung von 2,8 hat das Ergebnis „null Treffer“ eine Wahrscheinlichkeit von rund 6 %; angesichts des ingenieurwissenschaftlichen Profils, für das der vorige Abschnitt eine deutlich niedrigere bedingte Quote misst, ist der Wert unauffällig — er ist kein Beleg für einen besseren Prozess, sondern zunächst einmal Ausdruck eines Portfolios, in dem Literatur selten neuheitsrelevant wird.

Die Zuordnung zur Hochschule ist der wackeligste Teil dieser Auswertung. Sie beruht auf dem harmonisierten Anmeldernamen, und der ist in beide Richtungen fehlerhaft. Er vereinigt, was nicht zusammengehört: Unter dem Mainzer Eintrag laufen 92 der 227 Anmeldungen auf die rechtlich eigenständige TRON gGmbH, unter dem Tübinger Eintrag 27 auf die NMI-Stiftung; hinzu kommen kleinere Fälle (Institut für Diagnostikforschung GmbH, Deutsches Wollforschungsinstitut, Heinrich-Pette-Institut, IUTA e. V.) sowie rund elf Anmeldungen natürlicher Personen. Diese Einträge sind für die Tabelle oben herausgerechnet. Und er trennt, was zusammengehört: Die RWTH Aachen erscheint in zwei getrennten Gruppen (143 und 54 Anmeldungen), die hier zusammengeführt wurden. Universitätskliniken sind uneinheitlich behandelt — Freiburg, Hamburg-Eppendorf, Münster, Jena, Heidelberg und Tübingen laufen unter ihrer Universität, während Schleswig-Holstein (20), Erlangen (12), das Klinikum der Universität München (3) und weitere als eigene Einträge geführt werden. Diese knapp 50 Anmeldungen sind der jeweiligen Universität hier nicht zugeschlagen.

Nur Hochschulen mit mindestens 90 EP-Anmeldungen im Zeitraum sind dargestellt. Auch dort liegen die absoluten Trefferzahlen zwischen 0 und 18, sodass einzelne Fälle die Quote spürbar verschieben. Die Werte sind als Größenordnung zu lesen, nicht als Rangliste mit belastbaren Abständen zwischen benachbarten Plätzen. Die 23 Einrichtungen stehen für 4.156 Anmeldungs- und 140 Trefferzuordnungen. Eine Anmeldung mit zwei Hochschulanmeldern zählt in beiden Zeilen, weshalb diese Summen über der Zahl der dahinterstehenden Anmeldungen liegen; die Spalten summieren sich nicht auf die Population von 6.501 Anmeldungen und dürfen nicht als Aufteilung eines Ganzen gelesen werden.

Datentabelle: Selbstkollision je Hochschule
Hochschule EP-Anmeldungen mit X-NPL Literaturexposition Paper vor Priorität Anteil
Universität Hamburg (inkl. UKE)1025856,86 %76,86 %
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg27013048,15 %165,93 %
Westfälische Wilhelms-Universität Münster1368562,50 %75,15 %
Johannes Gutenberg-Universität Mainz1375237,96 %75,11 %
Medizinische Hochschule Hannover1387050,72 %64,35 %
Julius-Maximilians-Universität Würzburg1235746,34 %54,07 %
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)45412727,97 %183,96 %
Technische Universität Darmstadt1102926,36 %43,64 %
Eberhard-Karls-Universität Tübingen1187664,41 %43,39 %
Charité — Universitätsmedizin Berlin1828948,90 %63,30 %
Technische Universität München27510839,27 %93,27 %
Universität Duisburg-Essen932931,18 %33,23 %
Ludwig-Maximilians-Universität München21911452,05 %73,20 %
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg34815544,54 %113,16 %
RWTH Aachen (zwei Namensgruppen zusammengeführt)1976734,01 %63,05 %
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg2669435,34 %83,01 %
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn1357958,52 %42,96 %
Technische Universität Berlin1694828,40 %42,37 %
Philipps-Universität Marburg924751,09 %22,17 %
Friedrich-Schiller-Universität Jena964142,71 %22,08 %
Technische Universität Dresden2417129,46 %31,24 %
Freie Universität Berlin925458,70 %11,09 %
Universität Stuttgart1633521,47 %00,00 %

Dokumentierte Einzelfälle

Zwölf nachprüfbare Fälle, in denen der EPA-Prüfer die eigene Publikation der Erfinder gegen die Anmeldung gestellt hat

Die folgenden Fälle stammen aus der Trefferklasse „stark“ — mindestens zwei Erfinder der Anmeldung stehen im Autorenfeld der zitierten Publikation — und erfüllen zusätzlich zwei Bedingungen: Das Autorenfeld der Publikation ist tatsächlich gefüllt (kein Rückfall auf die Vollzitation), und das Publikationsjahr liegt vor dem Prioritätsjahr der Anmeldung. Die Kategorie enthält kein P, es handelt sich also nicht um Zwischenliteratur. Alle Angaben stammen aus öffentlichen Recherchenberichten und sind über die genannte EP-Veröffentlichungsnummer im EPA-Register nachvollziehbar.

Hochschule EP-Veröffentlichung Prioritätstag zitierte eigene Publikation (gekürzt) Kat. Namensübereinstimmung Ausgang
Universität Hamburg EP1920789A1 2006-11-11 „WOLFRAM-HUBERTUS ZIMMERMANN, IVAN MELNYCHENKO, THOMAS ESC…“ — dazu ein zweites Eigenzitat der Kategorie DX X Zimmermann, Eschenhagen nicht erteilt
Technische Universität Dresden EP2646770A1 2010-11-30 „THORSTEN PFISTER; PHILIPP GÜNTHER; LARS BÜTTNER; JÜRGEN C…“ (2008-10-03), dazu eine Vorarbeit von 2007-06-18 X Pfister, Büttner, Czarske nicht erteilt
Ruhr-Universität Bochum EP1937594A2/B1, EP2634145A2/A3, EP3536666A1/B1 2005-10-12 „Y.X.WANG, H.GIES, B.MARLER, U.MUELLER :: Synthesis and Cryst…“ X Gies, Müller zwei erteilt, eine nicht
Ruhr-Universität Bochum EP2172426A1 2008-10-02 „UWE OBERHAGEMANN, DIPL.-MIN, PARWIS BAYAT, DR. BERND MARL…“ X Marler, Gies nicht erteilt
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg EP2902781A1 · EP3102938A1/B1 2014-02-03 „ERFLE HOLGER ET AL :: Cell arrays and high-content screen…“ X Erfle EP2902781 nicht erteilt, Parallelanmeldung EP3102938 erteilt
Universität Siegen EP2197795A1/B1 2007-10-08 „S. T. KONG, C. REINER, H. J. DEISEROTH :: Synthesis and C…“ (2006-08-23) X Kong, Reiner, Deiseroth erteilt
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg EP2403679A2 2009-03-02 „RODOFILI, A.; FELL, A.; HOPMANN, S.; MAYER, K.; WILLEKE, …“ X Rodofili, Mayer nicht erteilt
Technische Universität Berlin EP2695196A2/B1 2011-04-05 „M. GELLER; A. MARENT; T. NOWOZIN; D. BIMBERG; N. AKCAY; N…“ XD Bimberg, Marent erteilt
Universität Duisburg-Essen EP2403859A2/B1 2009-03-05 „KLAERNER, FRANK-GERRIT ET AL :: Molecular Tweezers and Cl…“ X Klärner erteilt
Universität Leipzig EP2103933A1/B1 2008-02-25 „ANDRÉE ROTHERMEL, MATTHIAS NIEBER, JANA MÜLLER, PETER WOL…“ X Rothermel, Robitzki erteilt
Hochschule München EP2288937A1/B1 2008-04-03 „REITBERGER,J., KRZYSTEK,P., STILLA,U. :: Combined Tree Se…“ DX Reitberger, Krzystek erteilt
Hochschule Karlsruhe EP2133766A1 2008-06-09 „Norbert Link, Michael Peschl :: The Experton Production T…“ X Link, Peschl nicht erteilt

Die Fälle zeigen drei wiederkehrende Muster. Erstens den langen Vorlauf: Im Dresdner Fall liegen zwischen der eigenen Konferenzarbeit und dem Prioritätstag mehr als zwei Jahre, zwischen der älteren Vorarbeit und der Anmeldung sogar über drei. Die Erfindung war zum Anmeldezeitpunkt bereits publizierter Stand der Technik. Zweitens den knappen Vorlauf: Im Siegener Fall trennen Publikation (2006-08-23) und Prioritätstag (2007-10-08) knapp 14 Monate. Selbst eine volle Prioritätsjahresfrist hätte hier nicht mehr gereicht — sie wäre rund sechs Wochen zu spät gekommen.

Drittens die Mehrfachwirkung: In Bochum steht dieselbe zeolithchemische Publikation gegen drei verschiedene Anmeldungen desselben Prioritätstags. Eine einzelne Veröffentlichung kann ein ganzes Anmeldebündel belasten.

Bemerkenswert sind die erteilten Fälle: Eine eigene Vorveröffentlichung ist kein automatisches Aus — von den 15 Anmeldungen hinter den zwölf Tabellenzeilen wurden 8 erteilt und 7 nicht. Ob die Ansprüche dabei eingeschränkt werden mussten, lässt sich aus diesen Daten nicht ablesen. Der Heidelberger Fall zeigt beide Ausgänge nebeneinander: Zum selben Prioritätstag, mit denselben Erfindern und gegen dieselbe zitierte Publikation wurde EP2902781 nicht erteilt, die Parallelanmeldung EP3102938 dagegen schon. Das stützt die Lesart aus dem Abschnitt „Was es kostet“: Eine eigene Vorveröffentlichung beendet das Verfahren nicht zwangsläufig, sondern verschiebt es in Richtung engerer Ansprüche.

Es trifft nicht nur Universitäten. Zwei der zwölf Tabellenzeilen stammen von Hochschulen für angewandte Wissenschaften — Hochschule München und Hochschule Karlsruhe; in der vollständigen datumsgeprüften Trefferliste kommt die Technische Fachhochschule Wildau hinzu. Konferenzbeiträge sind in mehreren Fällen die schädliche Publikation; ein Format, das in Instituten oft nicht als „Veröffentlichung“ im patentrechtlichen Sinne wahrgenommen wird.

Autoren- und Titelangaben sind gekürzt wiedergegeben; die vollständigen Angaben stehen im jeweiligen Recherchenbericht. „Erteilt“ bezeichnet den Erteilungsvermerk der Anmeldung in PATSTAT. Die Spalte „Namensübereinstimmung“ nennt die Namen, über die der Autor-Erfinder-Abgleich ausgelöst hat; sie sind Bestandteil des öffentlich zitierten Autorenfeldes. Die zwölf Fälle sind eine Auswahl aus der vollständigen datumsgeprüften Trefferliste der starken Klasse und nicht die Gesamtheit der 197 Fälle.

Methodik & Glossar

Suchstrategie, Datenquelle, Datenstand und bekannte Grenzen

Vollständige Methodik — Population, Zitatauswahl, Namensabgleich, Datenquelle

Analyseeinheit

Gezählt werden Anmeldungen, nicht Patentfamilien. Recherchenbericht, Prüferkategorie und Erteilungsentscheidung hängen an der einzelnen Anmeldung; eine Familienzählung würde genau die Information einebnen, um die es hier geht. Die sonst übliche Familienzählung mit dem frühesten Anmeldejahr über alle Familienmitglieder entfällt damit — jede Anmeldung wird ihrem eigenen Anmeldejahr zugeordnet.

Population

  • Anmelderrolle über tls207_pers_appln.applt_seq_nr > 0.
  • Deutsche Hochschulen: harmonisierter Sektor psn_sector enthält UNIVERSITY und person_ctry_code = 'DE'. Das erfasst Universitäten, Technische Hochschulen, Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Universitätskliniken.
  • Warum sektor- und nicht namensbasiert? Eine Namenssuche findet nur, was sie schon kennt. Die Gegenprobe zeigt, dass die Sektorabgrenzung praktisch nichts verliert: Es gibt im Zeitfenster nur 26 EP-Anmeldungen (0,4 %) mit einem deutschen Anmelder, dessen Name auf eine Hochschule hindeutet, der aber nicht im Sektor UNIVERSITY geführt wird — keine einzige Einrichtung darunter kommt auf mehr als acht Anmeldungen.
  • Vergleichsgruppen: Fraunhofer, Max-Planck, Helmholtz und Leibniz jeweils über den harmonisierten Anmeldernamen innerhalb des Sektors GOV NON-PROFIT; Hochschulen in US, GB und CH analog zur deutschen Definition.
  • Anmeldebehörde EP, Anmeldejahre 2000–2016 (Rechtsstandsanalyse: 2000–2014, damit die Verfahren überwiegend abgeschlossen sind).
  • Anmeldungen mit mehreren Anmeldern werden genau einer Gruppe zugeordnet (Hochschule hat Vorrang), damit keine Doppelzählung zwischen den Gruppen entsteht.
  • Ein Filter auf Patentanmeldungen ist auf der EP-Schiene wirkungslos und wurde deshalb nur geprüft, nicht angewandt: Alle 6.501 Anmeldungen tragen ipr_type = 'PI' und appln_kind = 'A'.

Patentverwertungsagenturen — geprüft und verworfen

Es wurde geprüft, ob deutsche Hochschulen relevant über Verwertungsagenturen anmelden und dadurch aus der Population fallen. Eine Suche im Anmelderfeld nach Technologie-Lizenz-Büro (TLB), Ascenion, PROvendis und Bayerischer Patentallianz liefert im Zeitfenster 2000–2016 keine einzige EP- oder DE-Anmeldung. Deutsche Hochschulen melden im eigenen Namen an; die Agenturen treten als Vertreter, nicht als Anmelder auf.

Auswahl der Zitate

  • Nur Nicht-Patentliteratur: tls212_citation.cited_npl_publn_id ungleich dem Sentinelwert '0', mit dem PATSTAT reine Patentzitate markiert. Ein Filter auf „ungleich leer“ würde die Patentzitate durchlassen.
  • Nur amtlich recherchierte Zitate: citn_origin IN ('SEA','ISR') — Recherchenbericht und internationaler Recherchenbericht. Vom Anmelder eingereichte Zitate (APP) bleiben ausgeschlossen, da sie keine Prüferbewertung darstellen.
  • Relevanzkategorie aus tls215_citn_categ. Gefiltert wird per Teilstring auf X, damit die Verbundcodes XD, DX und XA miterfasst werden; eine Gleichheitsprüfung auf 'X' würde diese verlieren. Vor dem Vergleich wird großgeschrieben, da auch Kleinschreibung vorkommt.
  • Getrennt ausgewiesen wird jeder Code, der zusätzlich P enthält: Diese Literatur erschien im Prioritätsintervall und ist bei wirksamer Priorität nicht neuheitsschädlich.

Autor-Erfinder-Abgleich

  • Abgeglichen wird gegen tls214_npl_publn.npl_author; fehlt das Feld, wird auf npl_biblio zurückgegriffen. Abdeckung in der Zielmenge der 5.979 X-kategorisierten NPL-Zitatzuordnungen: 90,07 % Autorenfeld, 96,52 % auswertbares Publikationsjahr.
  • Beide Seiten werden identisch normalisiert: Unicode-Zerlegung mit Entfernung der Diakritika, anschließend Vereinheitlichung von UE→U, OE→O, AE→A, SS→S. Damit treffen sich Schreibvarianten wie Müller / MUELLER / MULLER.
  • Aus Erfindernamen werden Namensbestandteile ab vier Zeichen gebildet; akademische Titel werden ausgeschlossen. Ein Treffer erfordert entweder zwei verschiedene Erfinder im Autorenfeld oder einen Erfinder mit zwei Namensbestandteilen.
  • Empfindlichkeit der Schwelle, gemessen an derselben Population: 35 Anmeldungen (0,54 %) bei der strengsten Regel, 186 (2,86 %) ohne Rückfall auf die Vollzitation, 197 (3,03 %) in der ausgewiesenen Fassung.
  • Validierung: 37 Treffer einzeln gesichtet (22 stark, 15 mittel) — Autorenfeld gegen die auslösenden Namensbestandteile. Ein Teil der Autorenlisten liegt gekürzt vor; wo sie vollständig sichtbar waren, war die Übereinstimmung eindeutig.

Zeitliche Einordnung

  • Primär maßgeblich ist die Prüferkategorie, weil der Prüfer die Datumsfrage bereits entschieden hat.
  • Als unabhängige Gegenprobe wird das Publikationsjahr aus tls214_npl_publn.npl_publn_date mit dem Prioritätsjahr aus tls201_appln.earliest_filing_date verglichen. Die Einzelfallliste beruht ausschließlich auf Treffern, die diese Gegenprobe bestehen.
  • Periodenvergleiche wurden auf ihre Schnittabhängigkeit geprüft und als nicht belastbar ausgewiesen; das Zeitfenster endet 2016 und reicht damit nicht in Anmeldejahre mit unvollständigem Veröffentlichungsstand.

Klassifikation

Die Patentmenge dieses Reports stammt nicht aus einem IPC/CPC-Codeset, sondern aus einer Anmelderabgrenzung. Die Fragen nach Subtree-Erweiterung, Vereinigung der Vorgängersymbole und Behandlung stillgelegter Symbole stellen sich hier deshalb nicht — es gibt kein Codeset, das dadurch schrumpfen könnte. Klassifikation wird nur beschreibend verwendet: für die Aufschlüsselung nach den 35 WIPO-Technikfeldern über tls230_appln_techn_field, wobei jede Anmeldung dem Feld mit dem höchsten Gewicht zugeordnet wird. Diese Zuordnung ist eindeutig und erzeugt keine Mehrfachzählung. Die Feldbezeichnungen liegen ausschließlich auf Englisch vor; die deutschen Benennungen im Report sind Übersetzungen und mit der englischen Originalbezeichnung versehen.

Datenquelle und Datenstand

Stand der Auswertung: 15. August 2026. Alle Werte dieses Reports wurden auf EPO PATSTAT Global, Spring 2026 (patstat_2026a) über Google BigQuery berechnet. Klassifikationsstände laut dpt_edition: IPC 20260101 (in Kraft seit 1. Januar 2026) und CPC 202608 (in Kraft seit 1. August 2026). Alle Abfragen liegen dem Report als queries.sql bei und sind mit Angabe von Edition und Klassifikationsstand reproduzierbar.

Grenzen der Aussage

  • Nur EP-Anmeldungen. Für die 11.365 DE-Anmeldungen deutscher Hochschulen im Zeitraum liefert PATSTAT zwar 9.678 NPL-Zitate aus DPMA-Recherchenberichten, aber zu keinem einzigen eine Relevanzkategorie. Die nationale Schiene ist für diese Frage datenseitig nicht auswertbar; die darin enthaltenen 516 Gebrauchsmuster wären es auch inhaltlich nicht, da sie ohne Neuheitsprüfung eingetragen werden.
  • Die Zahlen sind eine Untergrenze. Nicht erfasst: Publikationen, die der Prüfer nicht gefunden hat; Erfindungen, die wegen bekannter Vorveröffentlichung gar nicht angemeldet wurden; Erfinder, die nicht unter den Autoren stehen; nicht-schriftliche Offenbarungen.
  • Der Schutzumfang bleibt unsichtbar. Eine wegen eigener Vorveröffentlichung stark eingeschränkte, aber erteilte Anmeldung zählt hier als Erfolg.
  • Kein Kausalnachweis. Der Vergleich „vor Priorität“ gegen „im Prioritätsintervall“ kontrolliert Publikationsaktivität und Fachnähe, aber nicht alle Störgrößen. Die Differenz ist konsistent und statistisch abgesichert, bleibt aber eine Beobachtung, kein Experiment.
  • Kein Trend über die Zeit. Die Jahresquoten schwanken bei 5 bis 23 Treffern pro Jahr so stark, dass das Vorzeichen einer Periodenaussage von der Lage der Periodengrenze abhängt. Der Report weist deshalb ein stabiles Niveau aus und keine Entwicklung.
  • Kleine Fallzahlen im Detail. Auf Ebene einzelner Hochschulen, Technikfelder und Jahre liegen die Trefferzahlen im einstelligen bis niedrig zweistelligen Bereich; einzelne Fälle verschieben die Quote spürbar.
  • Anmelderharmonisierung. Der harmonisierte Anmeldername vereinigt teils rechtlich eigenständige An-Institute mit ihrer Hochschule und trennt teils zusammengehörige Einheiten. Beide Richtungen sind im Abschnitt „Hochschulen im Vergleich“ beziffert und für die dort ausgewiesene Tabelle korrigiert; die Gesamtpopulation folgt der unkorrigierten Sektorabgrenzung, damit sie mit den ebenfalls sektorbasierten Vergleichsgruppen vergleichbar bleibt. Der davon berührte Anteil liegt bei rund zwei Prozent der Anmeldungen.
  • Bedingte Quoten sind Untergrenzen. Der Nenner „Anmeldungen mit X-NPL-Zitat“ enthält auch Anmeldungen, deren einziges X-Zitat aus dem Prioritätsintervall stammt und die den Fehlerfall nicht erreichen können.
Glossar — Fachbegriffe erklärt
Neuheitsschädliche Vorveröffentlichung
Eine Offenbarung der Erfindung vor dem maßgeblichen Anmelde- oder Prioritätstag, die die Neuheit nach Art. 54 EPÜ zerstört — auch dann, wenn sie von den Erfindern selbst stammt.
Neuheitsschonfrist (grace period)
Zeitraum, in dem eine eigene Vorveröffentlichung ausnahmsweise unschädlich bleibt. Das US-Recht kennt zwölf Monate, das EPÜ keine allgemeine Schonfrist.
Recherchenbericht
Amtliches Dokument, in dem das Patentamt den ermittelten Stand der Technik auflistet und nach Relevanz kategorisiert.
Kategorie X / Y / A
X: für sich allein neuheits- oder erfinderisch-schädlich. Y: nur in Kombination mit anderen Dokumenten schädlich. A: allgemeiner technischer Hintergrund.
Kategorie P (Zwischenliteratur)
Dokument, das nach dem beanspruchten Prioritätstag, aber vor dem Anmeldetag veröffentlicht wurde. In Verbindung mit X nur dann schädlich, wenn die Priorität nicht wirksam ist.
Kategorie D
Dokument, das der Anmelder bereits in der Beschreibung selbst genannt hat. Die Kombination XD zeigt an, dass der Anmelder die schädliche Literatur kannte.
Kategorie O
Nicht-schriftliche Offenbarung — mündlicher Vortrag, Benutzung, Ausstellung. In den Daten praktisch nicht erfasst.
NPL (Non-Patent Literature)
Nicht-Patentliteratur — wissenschaftliche Aufsätze, Konferenzbeiträge, Bücher, Normen.
Literaturexposition
In diesem Report: der Anteil der Anmeldungen einer Gruppe, bei denen der Prüfer mindestens ein X-kategorisiertes Zitat auf Nicht-Patentliteratur gesetzt hat. Ein Maß dafür, wie stark das Feld überhaupt von wissenschaftlicher Literatur bedroht ist.
Prioritätstag
Datum der ersten Anmeldung einer Erfindung. Nachfolgende Anmeldungen können ihn innerhalb von zwölf Monaten in Anspruch nehmen.
WIPO-Technikfelder
Standardisierte Einteilung der Patentklassifikation in 35 Technikfelder und fünf Sektoren, mit der sich Portfolios fachlich vergleichen lassen. Die Feldbezeichnungen sind englisch.
18R / 18W / 18D
INPADOC-Rechtsstandscodes des EPA: Anmeldung zurückgewiesen / vom Anmelder zurückgenommen / gilt als zurückgenommen.
DOCDB-Patentfamilie
Gruppe von Anmeldungen, die dieselbe Erfindung in verschiedenen Ländern schützen. In diesem Report wird bewusst auf Anmeldungsebene gezählt, nicht auf Familienebene.

Report-Dateien

Alle Abfragen dieses Reports sind dokumentiert und reproduzierbar. Die Datei queries.sql enthält alle elf SQL-Abfragen vollständig und einzeln ausführbar, in der Reihenfolge, in der sie im Report referenziert werden, jeweils mit Angabe der erzeugten Kennzahl sowie mit PATSTAT-Edition und Klassifikationsständen im Kopf. Kein Statement ist auf einen Kommentarblock verkürzt.

Diese Auswertung für Ihre Einrichtung

Dieser Report entstand aus einer konkreten Frage aus der PATLIB-Praxis und wurde mit einer vollständig reproduzierbaren Pipeline gebaut: EPO PATSTAT Global auf BigQuery, ein eigener MCP-Server und Claude AI für Analyse und Visualisierung. Alle SQL-Abfragen liegen dem Report bei — mit Angabe der PATSTAT-Edition und der Klassifikationsstände, auf denen jede Zahl beruht.

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